Zu Besuch bei Deutschlands Burlesque-Queen


Wer: Marlene von Steenvag – Burlesque-Tänzerin
Wo: Berlin – Prenzlauer Berg

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„Ich fühle mich auf der Bühne nicht nackt. Am Strand sind die Leute nackter. Mein Kostüm und das Makeup sind wie Schutzschilder.“*

Was bewegt eine studierte Literaturwissenschaftlerin dazu, Burlesque-Tänzerin zu werden? Und überhaupt, Burlesque, das ist doch Peepshow mit Gedöns … Fragen über Fragen, als ich auf die Tür-Klingel einer Altbauwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg drücke. Marlene von Steenvag öffnet fröhlich lächelnd, ist eher klein und zierlich und blond und sieht in ihrem braunen Rock mit schwarzem Pullover aus wie die Nachbarin von gegenüber. Sie serviert Tee aus grünen Villeroy & Boch-Tassen mit Jagdmotiv. Marlene, die im wahren Leben natürlich nicht Marlene heißt, erzählt, wie sie in Amerika aufwuchs, beide Eltern waren an der USC-Universität in Los Angeles tätig. Marlene träumt von Cinderella & Co, will Schauspielerin werden. Doch die Eltern wünschen, dass ihre intelligente Tochter etwas „Anständiges“ lernt. Nach dem Studium geht Marlene nach London, schreibt sich ein an der renommierten Schauspielschule „East 15 Acting School“ und jobt nebenbei in einem Café, um das Studium zu finanzieren. Sie nutzt eine ihr gebotene Chance und kommt groß raus. Seit 2009 ist sie in Berlin und gilt seither als deutsche Antwort auf Dita von Teese.

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Ganz in Weiß: Marlene posiert auf ihrem Bett

MyStylery: Marlene, Du giltst in der Burlesque-Szene als „der Star“. Da schlittert man vermutlich nicht einfach so rein. Wie bist Du zum Burlesque gekommen?
Marlene von Steenvag: Anfangs hatte ich gar keine Ahnung, was das eigentlich ist. Ich war nach meinem Studium eine Zeit in England, wo ich als Aushilfskraft gekellnert habe. Ein Bühnendarsteller erkrankte und meine damalige Chefin fragte mich, ob ich nicht einspringen könnte. Und da stand ich dann auf der Bühne, konnte eigentlich nicht singen und hatte einen Deutschen Akzent. Um davon abzulenken, kam mir die Idee, mich während des Singens umzuziehen. Das Ausziehen kam erst später. (lacht)

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Fotoshooting für das „Teaser Magazin“. Foto: Esther Haase

MS: Hartnäckig hält sich das Klischee, Burlesque ist eine Variante des Striptease…
MvS: … und das ist ganz falsch. Der Unterschied zum Striptease ist, das damit sexuell animiert wird. Die Tänzerin vermittelt das Gefühl, du kannst sie haben. Burlesque ist eine Kunst, die Akrobatik und Körperbeherrschung erfordert und nicht aufs Ausziehen reduziert werden darf. Burlesque soll im Kopf bewegen und nicht in der Hose.

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Marlene in ihrem Wohn- und Arbeitszimmer. Sie liebt es, sich zu spiegeln

MS: Marlene von Steenvag ist Dein Künstlername. Das klingt adlig und ein wenig nostalgisch – ist das Absicht?
MvS: Als ich mit dem Burlesque angefangen habe, war ich in England und brauchte einen nordischen, deutschklingenden Namen, zumal ich auf Deutsch gesungen habe. Das „von“ schafft zudem auch etwas Distanz.

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Zuckerdose und Milchkännchen von Villeroy & Boch stammen aus der Jagdhütte der Eltern

MS: Du hast die „Berlin Burlesque Academy“ gegründet. In welchen Kategorien und Fächern unterrichtest Du Deine Schüler?
MvS: Ich kreiere für meine Performance richtige Geschichten, deshalb gehört Story-Telling auf den Stundenplan, genauso wie die Entwicklung eines eigenen Charakters, neben Choreografie und Regie. Ein guter Burlesque-Künstler zieht den Zuschauer in den Bann und veranlasst ihn, aufmerksam zu zuschauen. Dranzubleiben.

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Marlene lehnt an einer Büste mit einer 18.000 Dollar-Traumrobe von Roberto Cavalli, die mit Swarovski-Steinen bestickt ist. „Das Kleid habe ich in Hollywood entdeckt soll mich daran erinnern, was ich gemacht habe.“

MS: Was sind das für Frauen, die Burlesque lernen wollen?
MvS: Wir bilden Nachwuchskünstler aus, aber auch ganz normale Frauen, die ihre Weiblichkeit entdecken oder lernen wollen, sich zu inszenieren. Oft fehlt den Frauen jedes Selbstbewusstsein und Körpergefühl, beklagen, keine Hüfte oder zu wenig Busen zu haben. Ich sage dann: habt ihr doch! Stellt Euch mal anders hin. Gerne werden wir auch für Bachelorette-Abende gebucht, wie gerade von fünf Frauen aus Abu Dhabi.

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„Die Disney-Figuren und ihre Kostüme hatten einen großen Einfluss auf mich, als ich Kind war“, sagt Marlene. „Schneewitchen und Cinderella waren meine Traumprinzessinnen.“

MS: Burlesque-Tänzer im Rentenalter kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Gibt es eine Altersgrenze im  Burlesque?
MvS: Körperliche Attraktivität hat nichts mit Alter zu tun, sondern mit Charisma. Ich selber will nicht ewig auf der Bühne stehen. Ich sehe mich als Unternehmerin, und Marlene von Steenvag als Marke. Neben der Akademie habe ich das Burlesque Festival gegründet, das dieses Jahr im September nun schon zum dritten Mal in Berlin stattfinden wird.

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Marlene beim kleinen Frühstück in der Küche… immer elegant!

MS: Ich wollte immer schon mal wissen, wie eigentlich die runden Dinger halten, die die Brustwarzen verdecken.
MvS: (lacht) Du meinst die Pasties? Die werden aufgeklebt. Entweder mit Theaterkleber. Sehr gut hält aber auch Toupee-Klebeband, selbst wenn man schwitzt.

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In der Kleiderkammer bewahrt Marlene viele ihrer Kostüm-Schätze und Bühnen-Outfits auf, alles ist fein säuberlich sortiert, denn Ordnung muss sein

MS: Du bist ein Bühnenmensch und damit öffentlich. Was bedeutet Dir Dein Zuhause?
MvS: Zuhause ist Geborgenheit. Es gibt zwei Ort, an denen ich mich sicher fühle, die Bühne und mein Zuhause. Hier umgebe ich mich gern mit Antiquitäten, da ich als Kind auch in so einer Umgebung aufgewachsen bin.

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Das Wohnzimmer mit insgesamt fünf Spiegeln, Kamin und einem antiken Schrank, der aus Marlenes Studienzeit in Freiburg stammt

MS: In Deiner Wohnung hängen ne ganze Menge Spiegel. Allein in diesem Raum sind es fünf…
MvS: Ja, ich gebe es zu, ich bin narzisstisch. (lacht) Ich liebe es einfach, mich zu spiegeln. Früher habe ich immer was von Raumvergrößerung argumentiert. Heute stehe ich dazu. Burlesque ist ja eine Traumwelt, vielleicht auch die andere Seite des Spiegels … wer weiß. BvH

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„Burlesque verfolgt nicht die Absicht, dass jemand im Publikum eine Erektion bekommt.“

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Showtime und Champagnerbad! Berlin Burlesque-Festival 2014**

Kontakt:
www.marlene-von-steenvag.com

Berlin Burlesque Festival:
17. bis 21. September 2015 im Wintergarten
Internationale Performer präsentieren Burleque-Shows auf hohem Niveau
Nähere Informationen und Tickets unter www.berlin-burlesque-festival.com

*Photo by Deniz Akgüntüz
** Photo by Verena Gremmer

 

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