Exklusive Einblicke ins Künstler-Atelier von Christian Awe


Wer: Christian Awe – Künstler
Wo: Berlin-Lichtenberg

 

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Christian Awes Bilder entstehen, indem gesprayte Muster mit vielen Schichten aus Acrylfarbe überdeckt werden, um sie anschließend an verschiedenen Stellen wieder freizulegen

Christian Awe betupft seine Augenpartie mit Aloe Vera: „Das soll bei Sonnenbrand helfen“, kommentiert er und deutet auf die Rötung unterhalb seines rechten Auges, „ich habe die Sonne in Gießen unterschätzt“. Dort hält der Berliner Künstler an der Justus-Liebig-Universität Vorlesungen über Urbane Kunst. Früher hat er illegal Häuserwände besprüht, heute ist er ein international anerkannter Künstler.

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„Ein gewisses Chaos ist der Kunst ganz zuträglich und auch irgendwie anregend“, kommentiert Christian Awe seine Atelier-Atmosphäre augenzwinkernd

Ein Besuch im Atelier von Christian Awe in Berlin-Lichtenberg: ein großer heller Raum, vollgestellt mit großformatigen Leinwänden. Regalweise Farben in unterschiedlichen Varianten. Im Hintergrund eine Sofaecke. Warum hat er sich für das Arbeiterviertel Lichtenberg entschieden, wo es in Berlin doch durchaus attraktivere Gegenden gibt. „Ich bin hier aufgewachsen, reise mehrere Monate im Jahr durch die Welt. Das hier ist mein Zuhause, mein Ankerpunkt.“ Klar hätte er auch schon in Mitte gelebt. Friedrichshain? Nee. Eher nicht. Da ist es zu etabliert, zu touristisch, da fehle ihm die Kreativität. „Selbst in Spandau passiert mehr. Lichtenberg war jahrelang eine harte Gegend, aber mit guten Arbeitsbedingungen.“

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Christian Awe studierte bei Georg Baselitz und war Meisterschüler von Daniel Richter

Awe, der an der Universität der Künste in Berlin bei Georg Baselitz studierte und als Meisterschüler von Daniel Richter abschloss, wählte neben der Kunst auch das Fach Sport. Ist das nicht eine eher ungewöhnliche Kombination? „Nein, überhaupt nicht“, lacht Awe. „Malerei hat viel mit Bewegung zu tun.“ Und er erzählt von den „Kunst am Bau“-Projekten, wo er zum Teil bei Wind und Regen in 33 Metern Höhe agiert. Zwölf Wochen hat er für das Wandbild in Lichtenberg gearbeitet, jeden Tag musste er 20 Mal rauf auf‘s Gerüst. Das ist 6 Mal den Mount Everest hoch und wieder runter. War er schon immer schwindelfrei? Ja, mittlerweile sei er das, alles eine Frage des Trainings. „Der Hubwagen schwingt bis zu eineinhalb Metern. Da frage ich mich manchmal schon, warum mach‘ ich das eigentlich.“

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Arbeitsmaterial – Ordnung im kreativen Chaos

Überhaupt hat er viel Sport gemacht, was ihm den Titel „Deutscher Meister“ im Streetball einbrachte. „Basketball fand ich schon immer toll, aber das gab‘s in der DDR nicht“, sagt Christian Awe und grinst: „Bei uns hieß das Korbball.“ Er erzählt, wie er als Elfjähriger den Mauerfall erlebte. Da gab es ein kulturelles Vakuum, gewohnte Strukturen brachen weg, die alten Sportvereine waren plötzlich nicht mehr da. Die Kids hingen auf der Straße rum. „Trotzdem war da viel Energie und der ideale Nährboden für das Entstehen der Graffiti-Szene, die ja auch Ausdruck der damaligen Hip Hop-Kultur war.“ Damals entstand ein kultureller Freiraum, von dem Hype Berlin heute noch profitiert.

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Art-works in progress, dazwischen ein Koffer: Christian Awe ist immer auf dem Sprung

Christian Awe, der mittlerweile auf Einzelausstellungen in Istanbul, Perm und Miami verweisen kann und Lehraufträge an der Princeton University und in Yale hatte, ist der Sprung von der Urban Art in die Kunstgalerien gelungen. Und er engagiert sich für andere: Charity-Malen zugunsten von SOS-Kinderdörfer, Kunst-Workshops für Jugendliche oder das Projekt „The young Mesopotamiens“, das sich dem Wiederaufbau von Kunst und Kultur im Irak widmet. Ganz aktuell unterstützt er den Aufbau einer Schule in Burkina Faso, Westafrika.

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Fertige Arbeiten vorbereitet für den Transport

Mit seinen Wandbildern will er die Demokratisierung der Kunst in den Fokus rücken. „Vieles geht in unserer Gesellschaft heute verloren, viele Menschen werden ausgegrenzt. Ich versuche die Kunst vor die Haustür zu bringen. Ich glaube, Kunst und Kultur ist der Kitt der unsere Gesellschaft zusammen hält“, erklärt er seine hauswandgroßen Bilder, von denen jüngst das tennisplatzgroße Wandbild „Adanzé“ während des Berliner Gallery Weekends in Schöneberg enthüllt wurde.

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15 Helfer waren notwendig, um das tennisplatzgroße Wandbild Adanzé an einer Hauswand in Berlin-Schöneberg zu installieren

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Feierliche Enthüllung in Schöneberg mit Filmvorführung im ‚Odeon‘ während des letzten Berliner Gallery Weekends

Allein das Wandbild in Lichtenberg ist 500 Quadratmeter groß. Die Schwierigkeit bestünde darin, die Bewegung in der Größenordnung zu übersetzen. „Eigentlich arbeite ich am liebsten frei drauf los. Bei einem so großen Bild geht das nicht. Es muss einen Entwurf geben und eine Grobeinteilung.“ Für das Lichtenberger Wandbild gab es 36.000 Übertragungspunkte. Es wurde ein Gitter angelegt und jeder Punkt skizziert, dafür wurden 13.000 Meter Klebeband verbraucht. Und er fügt hinzu: „Jedes Bild, das größer ist als fünf mal fünf Meter, ist unüberschaubar. Wahrscheinlich gibt es deshalb kaum Maler, die gut großformatig malen können.“

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Neue Werkserie: dreidimensionale Wassertropfen

Christian Awe, so scheint es, mag keinen Stillstand. Jemand wie er, der auch nachts aufsteht, um zu malen, hat das nächste Projekt schon in der Pipeline: eine Werkserie, welche auf der Leinwand dreidimensional Wassertropfen wiederzugeben scheint. Man steht davor und wundert sich über den verblüffend realen Effekt. Diese Arbeiten werden derzeit in der Düsseldorfer Galerie Ludorff im Rahmen der Gruppenausstellung „Open Water“ mit Werken anderer Künstler gezeigt, u.a. Max Liebermann und Gerhard Richter. Durchaus illustre Gesellschaft, möchte man meinen. „Ich bin da so’n bisschen ‚the new kid on the block‘ “, antwortet Christian Awe fast ein wenig verlegen, „aber ist es ist schon toll, in so einem Rahmen gezeigt zu werden.“ BvH

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Noch mehr dreidimensionale Wassertropfen

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Zeit für Entspannung muss sein

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Aktuell sind Ausstellungen in der Berliner Galerie Fahnemann, in Frankfurt zusammen mit der Deutschen Bank, der Galerie Tristan Lorenz und im Kunstverein Bad Dürkheim in Vorbereitung sowie ein weiteres „Kunst am Bau“-Projekt in Miami

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Demnächst erscheint eine erste Monographie über Christian Awes bisherige Arbeiten

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„Die Farbigkeit der Graffiti-Zeit prägt meine Bilder heute noch. Trotzdem haben meine heutigen Bilder mit Street Art nichts mehr zu tun.“

Kontakt:
www.christianawe.com

 

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