Anna von Griesheim: „Als Kind wurde ich morgens mit einem Tee geweckt.“


Wer: Anna von Griesheim, Modesesignerin
Wo: Berlin

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„Meet me for Tea“ mit der Berliner Modedesignerin Anna von Griesheim

Seit 25 Jahren ist Modedesignerin Anna von Griesheim Expertin für elegante Abendkleider und Tagesgarderobe. Die geborene Münchnerin kleidet Promis und Politikerinnen wie Kanzlerin Angela Merkel und berät Frauen in Stilfragen. Sie pendelt zwischen Zürich, Mallorca und Berlin, wo ich Anna auf ein Tässchen Tee treffe. Für MyStylery plaudert sie ein wenig aus dem Nähkästchen.

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Anna von Griesheim liebt die Office-Tasse „Kurland“ von KPM: „Das Handwerkliche, die Farben und die Größe machen die Tasse perfekt.“

MyStylery: Anna, hat sich eine Frau, die in Jogginghose einkaufen geht, modisch aufgegeben?
Anna von Griesheim: Wenn ich zum Yoga gehe, trage ich auch Sportklamotten. Und nichts ist gemütlicher als eine lässige Kaschmirhose für einen Kuscheltag daheim. Die Jogginghose als ständiger Begleiter ist jedoch ein No-Go.
MS: Warum kleiden sich erfolgreiche Frauen wie ihre männlichen Kollegen? Steht der Hosenanzug für Kompetenz?
AvG: Ja, immer noch. Der Hosenanzug dient als Schutzschild, gerade in männerdominierten Berufen. Ich ermutige meine Kundinnen, Kleider zu tragen. Wir leben in einer Zeit, in der sich Intelligenz, Joberfolg und Weiblichkeit nicht ausschließen. Frauen in androgynem Look verpassen ihre Weiblichkeit.
MS: Du berätst weibliche Führungskräfte in Hinblick auf ihr Erscheinungsbild.
AvG: Frauen wollen gut angezogen sein, ohne sich jeden Tag den Kopf über ihr Outfit zu zerbrechen. Wenn sie auf Geschäftsreise gehen, erwarten sie knitterfreie, bequeme Garderobe, die auch ins Handgepäck passt. Sie wollen weder erkennbare Logos noch einen sexy-hexy Look. Kleidung ist eine Form der Kommunikation. Sie transportiert ein Lebensgefühl und drückt aus, was man darstellt und vermitteln möchte.

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„Die meisten Frauen sind von ihrem eigenen Kleiderschrank überfordert“, sagt Anna von Griesheim

MS: Nicht jeder Frau steht jede Farbe.
AvG: Stimmt. Schau mal, meine Haut tendiert ins Gelbliche, weshalb ich mit warmen Farben harmoniere. Du hingegen bist ein heller Hauttyp, dem beispielsweise Blautöne gut stehen. Ich empfehle jeder Frau eine fundierte Farbberatung, auf der Garderobe und Makeup aufbauen.
MS: Mein Kleiderschrank ist wahrlich nicht klein. Trotzdem stehe ich davor und frage mich, was um Himmels willen ich bloß anziehen soll. Meistens sind’s dann doch dieselben Teile.
AvG: Das kennen wir alle. Es gibt Frauen, die haben einen ausgeprägten Mode-Sinn, mixen fröhlich drauf los: Zara, Hermès, dazu ein Vintageteil, fertig ist der perfekte Look. Aber das ist eher die Ausnahme. Die meisten Frauen sind von ihrem eigenen Kleiderschrank überfordert. Warum nicht auf Bewährtes zurückgreifen? Wir finden häufig unser Gegenüber auch deshalb interessant, weil wir es wiedererkennen. Jackie Kennedy ist ihrem ikonischen Stil treu geblieben und sah immer super aus.

MS: Es heißt ja, Kleidung, die zwei Jahre oder länger nicht getragen wurde, auszumisten. Jetzt sind gerade Samtblusen angesagt, die ich in den 90ern entsorgt habe.
AvG: Aber ehrlich, würdest Du die jetzt wieder anziehen? Ich rate, den Kleiderschrank regelmäßig zu sortieren. Verschaffe Dir einen Überblick, indem Du komplette Outfits zusammenstellst, inklusive der Accessoires. Wer keine professionelle Beratung will, fragt vielleicht die beste Freundin. Erstmal die Teile gutverpackt zur Seite legen und nach einer gewissen Zeit entscheiden, ob man sich endgültig davon trennt.
MS: Trends fixen mich gar nicht mehr so an. Wenn diesen Winter Leo-Muster und Beerentönen angesagt sind, ist mir das ziemlich egal. Wie geht’s Dir damit?
AvG: Genauso. Ich suche deshalb für meine Kollektionen nicht nach dem angesagten Trend. Meine Designs sollen Kundinnen für einige Jahre begleiten.

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„KPM ist eine besondere Marke von großer Tradition“, sagt die Berliner Modedesignerin Anna von Griesheim

MS: Ist guter Geschmack abhängig von der Größe des Geldbeutels?
AvG: Die Auswahl an Mode ist heute so groß wie nie. Mit etwas Gespür kannst du dir bei den preiswerten Labels tolle Outfits zusammenstellen. Insofern hat guter Geschmack nichts mit dem Budget zu tun. Was ich allerdings schrecklich finde, ist die Produktion von Billig-Klamotten durch Kinderarbeit, die so voll von Plastik sind, dass sie sich nie wieder abbauen lassen. Unter ökologischen Aspekten ist das unverantwortlich.
MS: Was macht man mit Fehl- und Frustkäufen?
AvG: Es gar nicht erst dazu kommen lassen (lacht). Wenn ich mir etwas Gutes tun möchte, kaufe ich lieber ein Buch, gehe in eine Ausstellung oder mache Yoga. Das ist Balsam für die Seele.

MS: Was gehört in den Kleiderschrank einer reiferen Frau?
AvG: Zwei gutgeschnittene Kleider aus anschmiegsamem Material wie Jersey, die man tagsüber mit Turnschuhen trägt und am Abend mit Pumps oder Stiefelette aufpeppt. Ein Hosenanzug, dessen Blazer auch gut mit einer Jeans funktioniert. Für den frischen Teint sorgt die weiße Bluse. Und ein klassischer Trenchcoat. Mein Lieblingsteil ist der Strickmantel, den ich schnell überwerfen kann.
MS: Und was sollten wir vermeiden?
AvG: Zu enge Oberteile, die unvorteilhafte Stellen betonen statt zu kaschieren. Ganz gruselig finde ich den Partnerlook im Freizeitbereich und beide in der gleichen Outdoor-Jacke. Leggings sind vielleicht bequem, aber auf gar keinen Fall Beinschmeichler. Und bitte immer die passende Größe kaufen und nicht eine Nummer zu klein in der Hoffnung, man nimmt die Kilos ab. Vorsicht bei wilden Mustern. Mit einem Uni-Look ist man auf der sicheren Seite. Dazu einen bunten Schal oder gemustertes Tuch kombinieren.
MS: Eine Freundin meinte kürzlich, ihr stünden keine knielangen Röcke. Sie trägt beharrlich ihre Minis.
AvG: Nicht alles was jünger aussieht, macht jünger. Unsere Figur verändert sich mit den Jahren. Leider (lacht). Oft wirkt der Oberkörper kompakter, was durch einen zu kurzen Rock betont wird. Frauen, die früher Komplimente für ihre Beine bekommen haben, sehen dann aus wie ein Fässchen auf zwei Zahnstochern. Jeder hat etwas Schönes an sich und das sollte in den Fokus.

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Anna von Griesheim: „Komplimente gehören in Frankreich zum Alltag und landen nicht in der Metoo-Debatte.“

MS: Warum sind Französinnen oder Italienerinnen so viel besser angezogen als deutsche Frauen? Selbst wenn sie auf den Wochenmarkt gehen, tun sie das ‚chic in Schale‘.
AvG: Das liegt an den Traditionen und dem Selbstverständnis der Frauen. Eleganz scheint in ihrer DNA verhaftet. Ich habe lange in Frankreich gelebt und weiß, dass Komplimente Bestandteil der Kommunikation sind und dabei etwas Spielerisches haben. Sie gehören in Frankreich zum Alltag und landen nicht in der Metoo-Debatte. Das wirkt sich auch auf den Kleiderstil aus. In Deutschland wurde das natürliche Gefühl für Weiblichkeit mit dem Zweiten Weltkrieg eliminiert.
MS: In Kleiderfragen gibt es in Deutschland ein Nord-Süd-Gefälle. Während sich Hanseatinnen eher klassisch-leger kleiden und Münchnerinnen gerne traditionell-elegant, hat der Stil der Berlinerin etwas Undefinierbares.
AvG: Berlin ist ein Sammelbecken ist für Individualisten. Diese Sehnsucht nach Einzigartigkeit ist nicht kompatibel mit vorgegeben Dresscodes. Trotzdem sehen junge Frauen in Prenzlauer Berg alle gleich aus. Sie wollen leger und zwanglos rüberkommen, wirken aber eher uniform. Übrigens auch eine Art von Dresscode.
MS: Ich denke nur daran, wie deutsche Schauspieler über den roten Teppich laufen: Die kommen im T-Shirt statt im Smokinghemd. Was ist da bloß schiefgegangen? Der Befreiungsschlag von der Modediktatur oder einfach nur schlechte Erziehung?
AvG: Gute Frage. Vielleicht ein Mangel an Achtsamkeit. Oder ein Nachwirken der 68er und dem damit verbundenen Freiheitsdrang, der im abgesperrten Berlin kaum auslebbar war. Ein Smoking steht ja nicht nur für die Wertschätzung beispielsweise den Künstlern auf der Bühne oder den Musikern im Orchestergraben gegenüber, sondern versinnbildlicht auch ein Lebensgefühl. Ich hoffe auf eine Renaissance der guten Manieren.

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Anna von Griesheim: „Mein erstes Geschirr von KPM war ‚Arkadia‘, ich war damals Studentin und für mich KPM der Inbegriff für Luxus. Trotzdem habe ich mich jeden Tag über das Geschirr gefreut und ergänze es seither immer wieder durch neue Stücke.“

MS: Apropos, darf ich Dir noch etwas Tee nachschenken?
AvG: Liebend gerne. Tee ist mein Wellness-Programm durch den Winter. Ich bin mit Tee aufgewachsen. Meine Großeltern lebten auf Sumatra, wo sie Plantagen hatten, von dort hat mein Vater die Tradition des Teetrinkens mit nach Deutschland gebracht. Und ich bin es von Kindesbeinen an gewohnt, Tee zu trinken. Jeden Morgen wurde ich von meiner Mutter mit einem Toast und einem Earl Grey Tee geweckt. Heute trinke ich mich durch die ganze Palette von Schwarz-, Grün- und Kräutertees. Immer serviert in einer antiken Silberkanne, die bei uns täglich in Gebrauch ist.
MS: Du hast 1991 mit Deinem eigenen Label angefangen und bist seitdem in Deutschland mit Deiner Marke vertreten. Hattest Du mal an Expansion ins Ausland gedacht?
AvG: Es gab internationale Anfragen. Aber im Nachhinein bin ich sehr froh, nur in Deutschland tätig zu sein. Ich entscheide alleine und muss niemanden fragen. Groß geht nur mit großen Partnern. Und ich wollte nie der Spielball unterschiedlicher Interessen sein.  BvH

 

Kontakt Anna von Griesheim

AnnavonGriesheim.de

 

Die Interview-Reihe „Meet me for Tea“ wird gesponsort von KPM – Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin.
Weitere MyStylery-Interviews findest Du hier.

 

There are 3 comments for this article
  1. Patrick Uhl
    at 11:31

    Wow ich habe mich gerade sehr gefreut über einen neuen Blog-Eintrag ❤️
    Toll
    Schönen Sonntag meine Liebe

  2. Carmen
    at 08:33

    Liebe Birgit,

    ich finde es immer wieder klasse, dass Du die richtigen Fragen stellst. Das Interview ist
    sehr kurzweilig und hat mich wieder bestärkt, meinen eigenen Stil weiter zu leben.

    Es war mir wie immer eine Freude.

    Liebe Grüße
    Carmen

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